Heißa, wir retten die Welt!
Kannst du nicht mal was Positives schreiben, wurde ich neulich gefragt. Also gut, ich versuch’s. Wie wär’s mit der Earth Hour 2011? Heißa, wir retten den Planeten und knipsen für eine Stunde das Licht aus! Ist das nicht prima, sind wir nicht toll? Das machen wir seit 2007 einmal im Jahr. Und sind dabei politisch ganz korrekt.
Ich nicht. Ich nutze diese Stunde, um im Schein meiner Energiesparschreibtischlampe zu bloggen. Worüber? Natürlich über die Earth Hour.
Ätzt du schon wieder? – Ja, ‘tschuldigung, ich kann nicht anders.
Einmal im Jahr veranstaltet der World Wide Fund for Nature (WWF) dieses Event. Wie süß. Das macht eine von 8.760 Stunden im Jahr. Oder 60 von 525.600 Minuten.
Und die übrige Zeit? Sind all die tollen Bauwerke die ganze Nacht durch hell bestrahlt. Mittlerweile selbst im kleinsten Dorf. Könnte ja sein, dass nachts um drei zufällig ein Tourist vorbeikommt. Oder dass sie im Dunkeln heimlich verschwinden.
Aber ich wollte ja positiv sein. In vielen Ländern berichten die Medien über den umgekehrten Fassadenzauber in den großen Städten. Wenn das kein Umweltbewusstsein schafft, was dann?
Zumal, jeder Einzelne kann mitmachen. Zum Beispiel: Licht aus, Kerzen an – die Variante für die spirituell Angehauchten. Wer die gefühlsökologische Spielart bevorzugt, kann in der Gruppe das Feuerzeug schwenken und im Chor singen: „We are the world, we are the children, we are the ones who make a brighter day“ – brighter day, bitte schön, nicht night. Das kann man auch ökologisch verstehen.
Die Freunde der volkstümlichen Musik können das Licht ausschalten, sich einhaken, uuuund dannnn geht’s humba humba humba täterä … Möglichkeiten des aktiven Umweltschutzes gibt es viele. In dieser einen Stunde.
Zugegeben, die „Welle entlang der Zeitzonen einmal um den gesamten Erdball“ (deutsche Website WWF) hat etwas von einer Performance. Nur, woher weiß der WWF im Voraus, dass in besagter Stunde „hunderte Millionen Menschen ihre Forderung nach mehr Klimaschutz und einer Energiewende“ bekunden (– die Energieriesen zittern!)? Selbst wenn die Organisationsfunktionäre dies im Nachhinein behaupten würden: Wer kann die Teilnehmer zählen. Und wie?
Das klingt verdächtig nach Bullshit.
Tschuldigung. Stimmt ja. Positiv! Die Earth Hour ist ein nettes Happening. Das ist wie ein Beichtstuhl für Mitglieder der säkularisierten Konsumgesellschaft. Man kommt raus, tut schnell noch ein bisschen Buße (Rosenkranz, Ave Maria, Kühlschrank zu) und ist ein (ökologisch) geläuterter Mensch.
Und alles geht wieder seinen gewohnten Gang. Zum Beispiel auf Urlaubsreise nach Mallorca, mit Flotten von Autobussen, die am Flughafen im Auftrag der Reiseveranstalter auf die Touristen warten, und Stunde um Stunde, Tag um Tag den ganzen Sommer über wegen der Klimaanlage den Motor laufen lassen. Schattenplätze gibt es für sie nicht. Das Geld für eine Überdachung haben die Flachmaten der Flughafenverwaltung für VIP-Parkzonen ausgegeben.
Oder die zahlreichen Rennsportveranstaltungen, mit massig CO2, just for fun für die einen, just for money für die anderen. Und bei Bedarf, wie bei den Motorradrennen jüngst in Katar, wird die Rennstrecke bei Dunkelheit taghell erleuchtet. So wie die vielen Fußballstadien.
Okay, das mit dem positiv sein klappt noch nicht so gut. Die Earth Hour ist eh um, die Lichter brennen wieder und alle sind hoffentlich glücklich. Ich schalte jetzt die Schreibtischlampe und den Computer aus. Und schaue in den Nachthimmel. Das ist zumindest nicht negativ.

Guter Beitrag, habe mir erlaubt ein Trackback zu setzen. Nachhaltigkeit kommt eben nicht aus einer Stunde ohne Licht bei der wahrscheinlich sogar noch ein guter Teil des “gesparten” Stroms einfach verpufft.