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Mallorquinischer Sonntag

April 3, 2011

Sonntags liegt Palma im Dornröschenschlaf, auf dem Land herrscht Trubel. Sonntags sind die Straßen und Plätze der Stadt menschenleer, die Wochenendgrundstücke und Spazierwege auf dem Land von Städtern bevölkert. Sonntags sind die Läden und Straßencafés der Stadt geschlossen, in den Ausflugslokalen auf dem Land herrscht Hochbetrieb. Sonntags ist die Stadt frei von Autos. Sie parken auf dem Land zwischen Baum und Strauch, und im Zweitakt knattern die Motorräder über die Feldwege. Sonntags hört man über der Stadt die Möwen kreischen, auf dem Land plärren die Radios und Stereoanlagen.

Sonntagabends fahren die Menschen in die Stadt zurück, auf dem Land kehrt – keine Ruhe ein. Geräuschvoll erwacht das Gekreuch und Gefleuch. Und wenn es Maul und Schnabel hält, ist die Stille noch lauter.

Irr(e)Gläubige

April 3, 2011

Der eine Prediger lässt den Koran anzünden, der andere entfacht beim Freitagsgebet die Mordlust. Gott, wenn es dich gibt, verschone uns vor deinen Anhängern.

Wie sich Spaniens Amtsträger ins rechte Licht rücken

März 29, 2011

In allen Provinzen Spaniens war die Phalanx der politischen Amtsträger die vergangenen Tage schwer beschäftigt. Sie zogen Vorhängchen beiseite, durchschnitten Bänder, legten Grundsteine, schippten Sand.

Sie alle wollten noch einmal, denn ab jetzt dürfen sie nicht mehr. Bis zum 22. Mai. Dann finden in Spanien die Kommunalwahlen statt, in 13 der 17 Autonomen Regionen außerdem die Autonomiewahlen (was den Landtagswahlen in Deutschland entspricht).

Um noch einmal feierlich in die Kameras grinsen und sich auf die Schulter klopfen zu dürfen, musste alles herhalten, was – egal wie – unter die Werbetrommel passte. Vom neuen Flugterminal, über den automatisch drehbaren Stuhl für die Nierendialyse bis zur Straßenlaterne. Wenn es gar nichts anderes gab, eröffnete man eben eine Ausstellung.

Oder man stürzte sich hektisch auf halbfertige Vorzeigeprojekte. Ob das Metropol Parasol in Sevilla, Galiciens größtes Kulturzentrum El Ágora in A Coruña oder der neue Flügel des Krankenhauses Clínico San Carlos in Madrid überall sind noch die Bauarbeiter zugange. Die wurden mal eben beiseite geschoben, und haste nicht gesehen: eingeweiht!

Den Vogel schoss Carlos Fabra, der Kreistagspräsident von Castellón, ab. In der valencianischen Provinz eröffneten er und Valencias Ministerpräsident Francisco Camps einen Flughafen, für den nicht einmal die Betriebsgenehmigung beantragt wurde.

Dazu Fabra: „Wer sagt, dass wir verrückt seien, einen Flughafen ohne Flugzeuge einzuweihen, hat nichts verstanden. In den nächsten eineinhalb Monaten kann jeder Bürger dieses Terminal besichtigen oder auf den Landebahnen laufen, was man nicht machen könnte, wenn dort Flugzeuge starten oder landen würden.“

Noch Fragen?

Heißa, wir retten die Welt!

März 26, 2011

"Aqua I - 13 days water". Installation von Herbert W. H. Hundrich. Foto: Hundrich

Kannst du nicht mal was Positives schreiben, wurde ich neulich gefragt. Also gut, ich versuch’s. Wie wär’s mit der Earth Hour 2011? Heißa, wir retten den Planeten und knipsen für eine Stunde das Licht aus! Ist das nicht prima, sind wir nicht toll? Das machen wir seit 2007 einmal im Jahr. Und sind dabei politisch ganz korrekt.

Ich nicht. Ich nutze diese Stunde, um im Schein meiner Energiesparschreibtischlampe zu bloggen. Worüber? Natürlich über die Earth Hour.

Ätzt du schon wieder? – Ja, ‘tschuldigung, ich kann nicht anders.

Einmal im Jahr veranstaltet der World Wide Fund for Nature (WWF) dieses Event. Wie süß. Das macht eine von 8.760 Stunden im Jahr. Oder 60 von 525.600 Minuten.

Und die übrige Zeit? Sind all die tollen Bauwerke die ganze Nacht durch hell bestrahlt. Mittlerweile selbst im kleinsten Dorf. Könnte ja sein, dass nachts um drei zufällig ein Tourist vorbeikommt. Oder dass sie im Dunkeln heimlich verschwinden.

Aber ich wollte ja positiv sein. In vielen Ländern berichten die Medien über den umgekehrten Fassadenzauber in den großen Städten. Wenn das kein Umweltbewusstsein schafft, was dann?

Zumal, jeder Einzelne kann mitmachen. Zum Beispiel: Licht aus, Kerzen an – die Variante für die spirituell Angehauchten. Wer die gefühlsökologische Spielart bevorzugt, kann in der Gruppe das Feuerzeug schwenken und im Chor singen: „We are the world, we are the children, we are the ones who make a brighter day“ – brighter day, bitte schön, nicht night. Das kann man auch ökologisch verstehen.

Die Freunde der volkstümlichen Musik können das Licht ausschalten, sich einhaken, uuuund dannnn geht’s humba humba humba täterä … Möglichkeiten des aktiven Umweltschutzes gibt es viele. In dieser einen Stunde.

Zugegeben, die „Welle entlang der Zeitzonen einmal um den gesamten Erdball“ (deutsche Website WWF) hat etwas von einer Performance. Nur, woher weiß der WWF im Voraus, dass in besagter Stunde „hunderte Millionen Menschen ihre Forderung nach mehr Klimaschutz und einer Energiewende“ bekunden (– die Energieriesen zittern!)? Selbst wenn die Organisationsfunktionäre dies im Nachhinein behaupten würden: Wer kann die Teilnehmer zählen. Und wie?

Das klingt verdächtig nach Bullshit.

Tschuldigung. Stimmt ja. Positiv! Die Earth Hour ist ein nettes Happening. Das ist wie ein Beichtstuhl für Mitglieder der säkularisierten Konsumgesellschaft. Man kommt raus, tut schnell noch ein bisschen Buße (Rosenkranz, Ave Maria, Kühlschrank zu) und ist ein (ökologisch) geläuterter Mensch.

Und alles geht wieder seinen gewohnten Gang. Zum Beispiel auf Urlaubsreise nach Mallorca, mit Flotten von Autobussen, die am Flughafen im Auftrag der Reiseveranstalter auf die Touristen warten, und Stunde um Stunde, Tag um Tag den ganzen Sommer über wegen der Klimaanlage den Motor laufen lassen. Schattenplätze gibt es für sie nicht. Das Geld für eine Überdachung haben die Flachmaten der Flughafenverwaltung für VIP-Parkzonen ausgegeben.

Oder die zahlreichen Rennsportveranstaltungen, mit massig CO2, just for fun für die einen, just for money für die anderen. Und bei Bedarf, wie bei den Motorradrennen jüngst in Katar, wird die Rennstrecke bei Dunkelheit taghell erleuchtet. So wie die vielen Fußballstadien.

Okay, das mit dem positiv sein klappt noch nicht so gut. Die Earth Hour ist eh um, die Lichter brennen wieder und alle sind hoffentlich glücklich. Ich schalte jetzt die Schreibtischlampe und den Computer aus. Und schaue in den Nachthimmel. Das ist zumindest nicht negativ.

Alles Bullshit

März 26, 2011

Ich korrigiere mich. BDI-Geschäftsführer Werner Schnappauf hat sich nicht aus der Affäre, sondern vielmehr die Konsequenzen aus Brüderles Protokollfehler gezogen. Zitat: „Ich übernehme die politische Verantwortung für die Folgen einer Indiskretion, an der ich persönlich nicht beteiligt war, um möglichen Schaden für das Verhältnis von Wirtschaft und Politik abzuwenden.“

Hocus pocus fidibus. In nur zwei Tagen hat sich der „Protokollfehler“ und die falsche Wiedergabe des Wirtschaftsministers in eine „Indiskretion“ verwandelt. Das trägt biblisch-magische Züge, anders als bei der Hochzeit in Kanaan jedoch mit enttäuschendem Resultat: Aus Wein wurde Wasser. Der Zauber war allerdings nicht schwer, es hatte ja eh keiner geglaubt, dass es sich beim H2O und Cabernet handelte.

Das (– wie überhaupt das Atom-Moratorium –) erinnert mich verdammt an die Abhandlung „Bullshit“ des amerikanischen Philosophen Harry G. Frankfurt:

Ein aufrichtiger Mensch sagt nur, was er für wahr hält, und für den Lügner ist es unabdingbar, dass er seine Aussage für falsch hält. Der Bullshitter ist außen vor: Er steht weder auf der Seite des Wahren noch auf der Seite des Falschen. Anders als der aufrichtige Mensch und als der Lügner achtet er auf die Tatsachen nur insoweit, als sie für seinen Wunsch, mit seinen Behauptungen durchzukommen, von Belang sein mögen. Es ist ihm gleichgültig, ob seine Behauptungen die Realität korrekt beschreiben. Er wählt sie einfach so aus oder legt sie sich so zurecht, dass sie seiner Zielsetzung entsprechen.“ (Harry G. Frankfurt: Bullshit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006).

Schnappauf kam nicht durch, und die Beweggründe für das Atom-Moratorium sind unglaubwürdig wie am ersten Tag: Der Bullshit ist aus der Lampenschale geflogen.

Der zweite Teil des Zitats – „um möglichen Schaden für das Verhältnis von Wirtschaft und Politik abzuwenden“ – erinnert mich an die Zahnpasta mit dem Apfel. Nur, dass in diesem Zusammenhang das kraftvolle Reinbeißen bedeutet: Damit sie auch morgen noch diskret tagen können.

Brüderle & Co. im Stress

März 24, 2011

Schön, einen Tag mit Lachen zu beginnen. Dank Wirtschaftsminister Brüderle. Der hat heute nichts zu Lachen gehabt. Dank der „Süddeutschen Zeitung“

"safe bet". Ready-made von Herbert W. H. Hundrich. Foto: Hundrich

Inzwischen ist es zigmal durchs Netz gegangen: Brüderle hat sich beim Bund der Deutschen Industrie verplappert. Vor seinen Brüderles im Gelde und Geiste sagte er über das Atom-Moratorium, „dass angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen Druck auf der Politik laste und die Entscheidungen daher nicht immer rational seien“.

Und ich reibe mir die Augen: Kann der Wähler tatsächlich mehr Druck machen als die Atomwirtschaft? Ist die Bundesregierung dem Stresstest Wahlen nicht gewachsen?

Hat Brüderle natürlich gar nicht gesagt, ach iwo. „Es liegt ein Protokollfehler vor. Die Äußerung des Bundeswirtschaftsministers ist falsch wiedergegeben worden“, sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf. Als ehemaliger Umweltminister von Bayern weiß er, wie man sich aus der Affäre zieht. Umweltminister mit Eignungstest übrigens: Er hat über das Thema „Standortbestimmung bei Kernkraftwerken“ promoviert.

Gar im Dauerstresstest steht die EU. Portugals gestern zurückgetretener Regierungschef Sócrates konnte seinen Sparkurs im Parlament und in der Bevölkerung nicht durchsetzen. Wie auch. Man kann nicht die einen ohne Ende Sparpakete schleppen lassen, während die anderen schon wieder fröhlich die Boni wegtragen.

Euro-Rettungsschirm heißt in diesem Fall der Humbug unserer gestressten Politiker. In Wirklichkeit wedeln sie mit einem durchlöcherten Fallschirm. Und nach ihnen der Aufprall, amen. Der Steuerzahler soll sich heillos mit Notkrediten verschulden, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen, den großkotzige Politiker und gierige Manager reingefahren haben. Zum Dank darf er sich den Gürtel immer enger schnallen.

Schon höre ich wieder Frau Merkel mahnen: Es gibt keine Alternative. Eine politische Bankrotterklärung. Denn ohne Alternative gibt es keine Wahl, und ohne Wahl keine Demokratie.

Ich finde, das ganze System braucht dringend ein Moratorium.

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